Welche wichtigen deutschen Behördenseiten gibt es nicht auf Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch

Ich habe kürzlich im Artikel über den Zusammenhang von Immobilien, Bewerbungen und Behördenkram auf diesem Blog die offizielle BAMF-Seite zu Integrationskursen verlinkt. Dabei ist mir aufgefallen, dass es unter den deutschen Behördenseiten kaum welche auf Bosnisch gibt.
Auch nicht auf Kroatisch oder Serbisch.

Ich bin dem systematisch nachgegangen. Das Ergebnis hat mich überrascht, obwohl es eigentlich nicht hätte überraschen sollen.

Welche deutschen Behördenseiten es nicht auf Bosnisch gibt

Die offizielle BAMF-Seite zu den Berufssprachkursen bietet ihre Inhalte auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Russisch, Französisch und Arabisch an. Sechs Sprachen also, sorgfältig ausgewählt nach den größten Zuwanderungsgruppen der letzten Jahrzehnte. Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch fehlt komplett.

Bei Anerkennung in Deutschland, dem zentralen Portal für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, sieht es ähnlich aus. Elf Sprachen werden dort angeboten. Auch hier: keine der drei Balkan-Sprachen. Stattdessen findet sich auf der Sprachangebot-Seite ein bemerkenswert ehrlicher Hinweis. Sinngemäß steht dort, wer eine fehlende Sprache vermisst, solle ein externes Tool wie DeepL nutzen, für die Qualität der Übersetzung könne man aber keine Verantwortung übernehmen..

Das ist kein Vorwurf an die Behörden. Es ist eine ehrliche Beschreibung der Lücke, die entsteht.

Deutsche Behördenseiten ohne Bosnisch — Brief und Übersetzungs-App auf einem Küchentisch

Amras Geschichte, die ich schon oft so oder ähnlich gehört habe

Stell dir Amra vor. Vor ein paar Monaten frisch aus Bosnien nach Deutschland gezogen, mitten im Ankommen. Sie sitzt abends am Küchentisch, ein Brief vom Jobcenter vor sich, ihr Handy daneben mit einer Übersetzungs-App offen. Der Brief betrifft ihre Teilnahmeberechtigung für einen Integrationskurs. Wichtige Frist, wichtige Entscheidung. Sie versteht die Hälfte der Fachbegriffe nicht, auch die App übersetzt eher Wort für Wort als sinngemäß. Ein Anruf bei der Behörde bringt eine Warteschlange und, wenn sie durchkommt, ein Gespräch auf Deutsch, das sie nur teilweise versteht.

Sie ist nicht allein damit. Genau diese Situation, das Gefühl, mit einem wichtigen Dokument allein dazustehen, kenne ich aus vielen Gesprächen, auch wenn nicht jede Person, die mir davon erzählt hat, genau so heißt oder genau diesen Brief bekommen hat.

Warum gerade diese Sprachen fehlen

Die Sprachauswahl der großen Portale orientiert sich an den zahlenmäßig größten Zuwanderungsgruppen, vor allem an geflüchteten Menschen der letzten Jahre. Das erklärt Arabisch, Ukrainisch, teils Farsi oder Dari. Die jugoslawische Diaspora ist demgegenüber eine ältere, oft schon länger etablierte Zuwanderungsgeschichte. Sie fällt bei aktuellen Sprachprioritäten dadurch leicht durchs Raster, obwohl allein aus Bosnien und Herzegowina Zehntausende Menschen in Deutschland leben, viele davon seit Jahrzehnten.

Das führt zu einem paradoxen Effekt. Wer neu ankommt, findet oft mehr Übersetzungsangebote als wer schon länger hier lebt und trotzdem regelmäßig auf Formulare, Merkblätter oder Antragsverfahren stößt, die es nur auf Deutsch gibt.

Was das für den Alltag bedeutet

Ich habe das selbst über Jahre hinweg gespürt, allerdings nicht als abstraktes Problem, sondern als sehr konkrete Aufgabe. Als mein Mann 2008 nach Deutschland kam, konnte er kein Wort Deutsch. Die Formulare, Merkblätter, Behördenschreiben, die für seinen Aufenthalt und später für den Integrationskurs nötig waren, musste jemand für ihn verständlich machen. Das war ich. Nicht, weil ich es besonders gut konnte, sondern weil sonst niemand da war.

Genau das ist die Lücke, die mich seit damals beschäftigt. Es geht nicht nur um fehlende Übersetzungen. Es geht um die stille Erwartung, dass sich jede Familie selbst irgendwie behilft, wenn die offiziellen Kanäle nicht reichen.

Was trotzdem hilft

Es gibt Alternativen, auch wenn sie die Lücke nicht vollständig schließen. Migrationsberatungsstellen für Erwachsene, kurz MBE, bieten persönliche Beratung an, oft mit mehrsprachigem Personal vor Ort.. Auch die Jugendmigrationsdienste helfen jüngeren Zugewanderten weiter. Manche Wohlfahrtsverbände und Vereine der bosnischen, kroatischen oder serbischen Community in Deutschland bieten inzwischen eigene, informelle Übersetzungshilfen an, oft ehrenamtlich organisiert.

Und ja, auch externe Übersetzungstools wie DeepL können im Alltag helfen, auch wenn sie bei komplexen behördlichen Formulierungen an ihre Grenzen stoßen.

Warum ich das hier aufschreibe

Genau diese Lücke, zwischen dem, was ein System offiziell anbietet, und dem, was Menschen tatsächlich verstehen können, ist der Grund, warum es Most gibt. Nicht jede Behördenseite wird morgen mehrsprachig sein. Aber wer weiß, wo die Lücken liegen, kann sich gezielter Hilfe suchen, statt sich allein zu fühlen, wenn wieder ein Formular nur auf Deutsch dasteht.


Hast du selbst schon mal vor einem Formular gestanden, das du nicht verstanden hast? Schreib’s mir gerne in die Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.